Der Werber an sich befindet sich in starker Abhängigkeit von Unternehmen und ihrer Etats. Demgegenüber stehen die großen Agenturen, welche sich mit lauteren und unlauteren Methoden ihre Pfründe sichern. Als weniger mannstarke Agentur ohne glänzende Vita, fällt es merklich schwerer seine Arbeitsqualität und Originalität unter Beweis zu stellen. Überdies zählen in erster Linie geldwerte Kontakte und die richtigen Visitenkarten. Vetternwirtschaft hat zwar einen faden Beigeschmack, wird aber mehr denn je zelebriert. Preisdumping und sinnloses Gepitche reißen Lücken auf die an anderer Stelle über hohe Tagessätze und Kropf-Dienstleistungen wieder geschlossen werden müssen.
Das Talent sich zu Verbiegen, sucht seine Konkurrenz eigentlich eher im chinesischen Staatszirkus, findet sich aber quer durch die W&V-Leserschaft umso präsenter. Der erstarkte Trend zu Guerilla und viralem Marketing hat glücklicherweise einen Acker zur Spielwiese gemacht, auf dem vor allem originelle und wenig erprobte Ideen gefragt sind. Hier glänzen Kreative vor allem durch Ideenreichtum, weniger durch Reputation und Routine. Das wird sich mit zunehmender Medienpräsenz natürlich abnutzen. Findige Jungspunde, Quereinsteiger und Grenzgänger werden mit Chance immer ihren Platz finden und neue Trends als erste erkennen oder gar installieren.
Reizvoll wäre eine Verkehrung der Verhältnisse. Im Allgemeinen befindet sich der Güterproduzent stets auf der Suche nach derjenigen Agentur, welche seine Produktion am idealsten der Öffentlichkeit präsentiert. Das vorhandene Produkt sucht seine Verpackung und aufgehübschte Präsenz, um potentielle Kundschaft zu locken. Im Umkehrschluss stünde an erster Stelle ein Verbund aufgeweckter Kreativer. Diese kreieren eine Markenwelt, die zugehörige Kundenansprache und innovative Werbemittel. Erst im Anschluss wird das produzierende Gewerbe aufgefordert, ein passendes Produkt zu liefern. Mittels Produktpitch, konkurrieren die vorigen Kunden um die Gunst der Kreativen. Erst ein erstklassiges und hochqualitatives Produkt kommt in Frage in diesem Wettbewerb zu bestehen.
Für diese Verquerung bedarf es natürlich zugehöriger Finanzmittel und einem gesicherten Vertrieb. Der Kreative hat seine Position nicht nur gestärkt sondern auch ausgebaut. Denkbare Lösung könnte ein Lizensierungsmodell und zugehöriges Provisionsgeschäft sein. Zwischen Produzent und Werber bestünde ein Kooperationsvertrag, mit geteilten Risiken aber auch Gewinnmöglichkeiten. Solche Experimente taugen natürlich nicht für den gesamten Markt und ganz sicher nicht für finanzintensive Industrien. In Nischensegmenten wäre allerdings der nötige Spielraum zu finden. Zusammenarbeit auf Augenhöhe und Perspektiverweiterung wären die Folge. Beide Seiten könnten sich in ihr Gegenüber versetzen und wesentlich zielorientierter am gemeinsamen Strang ziehen. Der Konsument bekommt im Idealfall bestmögliche Qualität in optisch hochwertigem und funktionalem Gewand. Unnötiges eher belästigendes Push-Marketing reduziert sich auf notwendiges Minimum.
Sonntag, 20. April 2008
Emanzipation in der Werbewelt - abstrakter Denkansatz
Labels:
Design,
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